Enrico Nahler ist Senior Sales Manager Hotellerie DACH bei der Scopevisio AG. Im Interview spricht er über Kostendruck, ausbleibende Profite, Transparenz und Technologie.
Herr Nahler, warum bedeuten Rekorde im Tourismus noch lange nicht Profite für die Hotellerie?
Hotellerie ist nur ein Teil vom Tourismus. Dazu kommt: Wir haben Campingplätze, die signifikante Zuwächse verzeichneten, während die klassische Hotellerie schwächere. Manche Häuser gehen sogar insolvent. Wichtig ist, wie viel Gewinn vom zusätzlichen Umsatz übrigbleibt. Es waren mal rund fünfzig Prozent. Heute liegen wir zwischen neunundzwanzig und fünfunddreißig Prozent. In den USA sind es sogar nur noch etwa achtzehn Prozent.
Der Kostendruck ist also massiv gestiegen?
Genau. Die Kosten steigen gemessen an der Umsatzentwicklung überproportional. Wenn ich die schwarze Null erreiche, also ein ausgeglichenes Ergebnis – alle Mitarbeiter bezahlt, alle Fixkosten gedeckt – kann ich mich als Haus nicht weiterentwickeln, kann nicht renovieren, nicht in neue Angebote investieren. Dafür brauche ich zusätzliches Geld.
Lässt sich das Problem besser durch Kostenkontrolle oder Umsatzsteigerung lösen?
Schwierig zu sagen. Wenn ich mehr Gäste ins Haus hole, kostet mich das Geld. Für Personal und vieles andere. Was ich kontrollieren kann, ist Transparenz: Was kommt jeden Tag rein? Was geht jeden Tag raus? Bin ich im Minus oder im Plus? Das Problem ist, dass viele Häuser diese Daten erst im Monatsabschluss sehen. Moderne Systeme zeigen mir tagesaktuell, wo ich stehe und wo ich gegensteuern muss.
Technologie ist der Schlüssel?
Teilweise. Die großen Hotelkonzerne sind inzwischen eher Technologie- als Gastgeber-Companies. Sie haben die Systeme, um ihre Häuser professionell zu steuern. Das Risiko sehe ich bei den kleinen und mittleren Ketten sowie bei den Individualbetrieben. Viele sind lange Zeit gut ohne strikte Kontrolle gefahren, weil ihre Regionen immer attraktiv für Gäste waren. Sie haben nie mitwachsen müssen. Mit der richtigen Business-Automation-Plattform können aber auch kleinere Hotels effizient arbeiten. Eine Person kann mit modernen Systemen problemlos 15 Häuser steuern.
Welche Chancen bietet die Künstliche Intelligenz dem Mittelstand?
Große Ketten und OTAs haben einen Vorsprung, weil sie seit zwanzig Jahren Daten sammeln. Für kleinere Hotels liegt die Chance in der Individualität und im Storytelling. KI-Algorithmen favorisieren klare Konturen und trennscharfe Positionierung. Ich kann mir erlauben, zu sagen: „Hier übernachten nur Familien“ oder „Nur Hundebesitzer“. Solch spitze Positionierungen heben einen von der Masse ab.
Wie kommuniziere ich das so, dass die KI es versteht?
Du musst Deine Identität nach außen tragen. Das funktioniert am besten über maschinenlesbare, geschriebene Inhalte. Hoteliers beschreiben sich auf ihren Webseiten schon recht gut, ihre Kategorien aber oft nicht präzise genug: Eine „Master Suite“ ist für eine Familie möglicherweise auch ein „großes Familienzimmer mit Balkon“. Es ist das gleiche Zimmer. Aber mit anderen Keywords findet man es viel besser.
Wenn ich all das bedenken muss: Bleibt mir als Hotelier dann noch Zeit, mich um meine Gäste zu kümmern?
Intelligente Systeme steigern die Effizienz und entlasten vom Administrativen. Mitarbeiter müssen nicht mehr den ganzen Tag am Computer sitzen. Sie haben Zeit für Kreatives, das keine Software für mich erledigen kann. Und genau darin liegt der Unterschied.
In unserer Jahresausgabe Zukunft Hotel, die am 11. Dezember 2026 erscheint, geht Enrico Nahler auf die wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen der Hoteliers und ihre Möglichkeiten ein, in einem zunehmend wettbewerbsintensiven Umfeld zu bestehen.

