Donnerstag, Mai 19, 2022
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„Optisch sauber ist nicht hygienisch rein“

Herr Brüggemann, im Zuge der Pandemie müssen Hoteliers ihre Hygiene-Konzepte überarbeiten. Auf welche Maßnahmen kommt es dabei besonders an? 

Die Pandemie hat in der Hotellerie vieles auf den Kopf gestellt, die Relevanz der Hygiene und Sauberkeit ist exorbitant gestiegen. Nicht umsonst haben viele unserer Kunden gemeinsam mit uns die vorhandenen Hygiene-Konzepte überarbeitet. Das Thema Hygiene war aber auch schon vor Corona ein wichtiges Kriterium für Hotelgäste. Wenn wir über Hygiene im Hotel sprechen, dann ist es keineswegs mit dem Bereitstellen von Desinfektionsmitteln in der Lobby und dem Aufstellen von Plexiglas-Wänden getan. Es geht um sämtliche Prozesse im Front- und Back-of-the-House. Angefangen von der Küche über die Wäscherei, das Housekeeping bis hin zu den öffentlichen Bereichen wie der Rezeption, den Toiletten, der Lobby, den Konferenzräumen sowie dem Pool und Spa. Ein professionelles Hygiene-Konzept beleuchtet jeden dieser Bereiche, berücksichtigt Arbeitsabläufe, Equipment wie etwa Spül- und Waschmaschinen im Zusammenspiel mit den passenden Reinigungs- und Desinfektionsmitteln und der dazugehörigen Dosiertechnologie, um manuelle Dosierfehler zu vermeiden. Das Heraufsetzen von Reinigungsintervallen und der verstärkte Einsatz von Desinfektionsmitteln allein führt nicht zur verlässlichen Durchbrechung der Kontaminations-Kette. Wir betrachten alle Schnittstellen im Hotel, führen Hygiene-Begehungen durch, die dann in Hygiene-Konzepte mit beispielsweise sprachfreien Verfahrens- und Anwendungskarten, Trainings-Videos sowie Reinigungs- und Desinfektionsplänen für die Hotelcrew münden. Und das tun wir nicht erst seit Ausbruch der Corona-Krise.

Die Hotellerie leidet unter den wirtschaftlichen Folgen der Krise wie kaum eine andere Branche, die Einbußen sind beträchtlich. Wie lässt sich die Hygiene/Reinigung intensivieren, ohne dafür viel mehr Geld auszugeben? 

Ob jetzt mehr Geld ausgegeben werden muss oder nicht, hängt davon ab, wie vorher gearbeitet wurde. Hygiene- und Reinigungsqualität sind in Deutschland, unabhängig von Corona, auf einem ebenso hohen Niveau wie die Ansprüche der Gäste. Das gilt auch für die gesetzlichen Vorgaben zu den (Desinfektions-) Verfahren in allen sensiblen Bereichen im Back of the House. Chemothermische Desinfektion in der Wäscherei, die thermische Desinfektion in der Spülmaschine und die Desinfektion von Arbeitsflächen in Küchen oder Thekenbereichen sind nichts Neues. Hält man sich an die vorgegebenen Verfahren, egal ob Corona oder nicht, dann tötet man das Virus verlässlich ab. Eine gute Personal-Hygiene, unter anderem das Händewaschen und die Hand-Desinfektion, runden das Konzept ab. Aber natürlich kommt mit der Desinfektion in vielen Gästebereichen etwas Neues hinzu. Gerade im Housekeeping müssen wir uns die Prozesskosten und mögliche Optimierungs-Potenziale ansehen und Verfahren etablieren, die so effizient wie möglich gestaltet sind. Die Reinigungs- und Desinfektionsmittel-Kosten machen da auch zukünftig nur einen Anteil von zirka zwei bis sechs Prozent der gesamten Kosten aus. 

Ecolab gehört zu den weltweit führenden Anbietern im Bereich der industriellen Reinigung. Ihre Produkte/Dienste müssten damit in der Krise besonders gefragt sein. Wie ist die Entwicklung? 

Mit Beginn der Krise in China war in Deutschland zunächst kaum etwas zu spüren. Erst ab März dieses Jahres erlebten wir einen extremen Mehrbedarf an Desinfektionsmitteln. Diese Welle hat alle Beteiligten in der Lieferkette überrollt. Wir konnten unser Portfolio jedoch innerhalb weniger Wochen anreichern und haben uns für die „neue Normalität“ gerüstet – unter anderem mit größeren Gebindeformen, zum Beispiel mit Desinfektionsmitteln in 20-Liter-Gebinden mit dazugehörigen Refill Kits zur einfachen Umfüllung in kleinere Leerflaschen. Die Entwicklung hängt auch bei uns von dem Infektionsgeschehen und entsprechenden Lockdown-Maßnahmen ab. Denn wenn die Welt stillsteht und niemand mehr reist, Events organisiert, in Hotels übernachtet oder in Restaurants essen geht, dann ist dies auch für uns als Ecolab deutlich spürbar. Die Hotelbranche verdient unseren ganzen Respekt und unser Versprechen ist nach wie vor: Wir sind für Euch da, mit Vor-Ort-Beratung und per Videokonferenz. Je nach dem was halt gerade so geht (schmunzelt).

Auf welche neuen Hygiene-Standards wird sich die Hotellerie Ihrer Einschätzung nach auch mittel- und langfristig einstellen müssen? 

Die Relevanz der Hygiene für die Gäste wird hoch bleiben. Wo sie bisher jedoch eher auf sichtbare Verschmutzungen geachtet haben, sind sie nun sensibilisiert für unsichtbare Gefahren und wissen: Optisch sauber ist nicht hygienisch rein. Basics wie beispielsweise die persönliche Handhygiene, Husten- und Nies-Etikette waren relevant und bleiben es – so wie mit Beginn jeder Grippewelle der letzten Jahre. Aber auf richtige Verhaltensweisen und deren Einhaltung wird genauer, kritischer geachtet. Dies betrifft andere Gäste, aber natürlich auch das Hotel-Personal. Umfassende Prozess-Kenntnisse bei Hygiene-Aufgaben aller Art, ihrer Durchführung und Einhaltung genauso wie ein Bewusstsein in Sachen Sauberkeit und Sicherheit sind bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein kritischer Faktor. Sie sollten in der Lage sein, jedem Gast jederzeit auf Fragen zur Umsetzung der Vorgaben sowie zum Produkteinsatz helfen zu können. Vorbildlich voran gehen, wirkt beruhigend auf die eigene Kundschaft. 

Die Hotellerie ist ein People Business – persönlicher Service, Ambiente und Atmosphäre sind wesentliche Bestandteile des Geschäfts. Wenn sich Gäste zur Begrüßung nun erst mal die Hände desinfizieren und die Maske aufsetzen müssen, wenn es auf einen möglichst kontaktlosen Aufenthalt ankommt – gehen dann nicht auch der Charme und die Leichtigkeit des Hotellebens verloren? 

Da pflege ich es wie Gustav Freytag, einem deutschen Kulturgeschichtler aus dem 19. Jahrhundert zu halten: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“. Wir werden uns an Dinge gewöhnen und mit der Gewöhnung kommt auch Leichtigkeit, so meine persönliche Meinung. Es wird auch jetzt nur eine Phase in unserem Leben sein, in der wir gewohnte Kontaktformen und Verhaltensweisen anders leben müssen. Ich bin zuversichtlich, dass diese Phase vorbei geht und wir weiter zur „neuen Normalität“ zurückkehren können. Der Charme und die Leichtigkeit des Hotellebens müssen deshalb nicht gleich verloren gehen. Wenn ich in den letzten Wochen wieder geschäftlich unterwegs war, dann sehe ich bei meinem Gegenüber trotz Maske das Lächeln in den Augen oder die Geste am Hotelempfang oder im Restaurant. Ich achte nur bewusster darauf.

Ecolab (ECL)

… ist weltweit führend bei Lösungen und Dienstleistungen in den Bereichen Wasser, Hygiene und Infektions-Prävention. Mit einem Jahresumsatz von 13 Milliarden US-Dollar und mehr als 45.000 Mitarbeitern liefert das Unternehmen umfassende Lösungen, datengestützte Erkenntnisse und personalisierte Dienstleistungen zur Förderung der Lebensmittelsicherheit, zur Erhaltung einer sauberen und sicheren Umwelt, zur Optimierung des Wasser- und Energieverbrauchs sowie zur Verbesserung der betrieblichen Effizienz und Nachhaltigkeit für Kunden in den Bereichen Lebensmittel, Gesundheitswesen, Gastgewerbe und Industrie in mehr als 170 Ländern der Welt. www.ecolab.com

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