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Corona zwingt uns zu einem Blick in den Spiegel

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Corona zwingt uns zu einem Blick in den Spiegel

Prof. Dr. Marco A. Gardini ist Professor für Internationales Hospitality Management und Marketing an der Fakultät Tourismus-Management der Hochschule Kempten sowie stellvertretender Institutsleiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus. 

Die Corona-Pandemie ist mit den Krisen der Vergangenheit nicht zu vergleichen und angesichts ihrer Auswirkungen auf Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik von nie dagewesener Tragweite. Deutschland wähnt sich im Auge des Hurrikans und in Erwartung der Dinge, die noch kommen werden. Die uns alle bewegende ökonomische Frage: Wird COVID-19 den Tourismus verändern? Wenn ja: Welche sind die Post-Corona-Perspektiven zwischen business as usual und Neuanfang? In welche Richtung werden wir uns bewegen und was bedeutet das für die Unternehmen aus Hotellerie und Gastronomie? Ob man sich nun eine nachhaltige, digitale Agenda im Tourismus und Gastgewerbe wünscht oder eine Wiederherstellung alter Verhältnisse – die Frage nach den „Lessons Learned“ bleibt. Einige wesentliche Erkenntnisse und Lehren zeichnen sich schon ab.

Die Branche muss resilienter werden

Tourismus und Gastgewerbe haben sich als nicht widerstandsfähig erwiesen. Strukturell leidet das Gastgewerbe seit Jahrzehnten an Überkapazitäten mit entsprechendem Druck auf Auslastung, Preise, Liquidität und Rentabilität. In der Hotellerie gehört man mit drei bis vier Prozent Umsatzrendite schon zu den Top-Performern – ein im Branchenvergleich eher unterdurchschnittlicher Wert. Wenn nun davon die Rede ist, dass etwa 60 Prozent der Betriebe des Gastgewerbes in ihrer Existenz bedroht sind, wie die DEHOGA unlängst vermeldete, sprechen wir weitgehend von Betrieben, die a)eine sehr geringe Betriebsgröße aufweisen, b) zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt von der Krise betroffen wurden (Neueröffnungen, Neu-/Umbauten) und die c) es auch in den letzten zehn Jahren nicht geschafft haben, sich nachhaltig am Markt zu positionieren und oft schon in guten Jahren finanziell mit dem Rücken zur Wand standen. 

Fakt ist jedenfalls, dass hierzulande Tag für Tag eine Million Betten unverkauft bleiben. Man mag es beklagen, dass es viele Betriebe nicht in die Zeit nach Corona schaffen werden. Aber das Virus ist häufig nicht Ursache ihrer wirtschaftlichen Probleme – es legt sie nur schonungslos offen, wirkt als Beschleuniger einer Entwicklung, die sie mittel- bis langfristig voraussichtlich sowieso genommen hätten. 

Die Branche muss professioneller werden 

Um in der Hotellerie und Gastronomie Erfolg zu haben, müssen viele Dinge zusammenpassen. Nicht allein der Standort, das Konzept, die Kapitalausstattung oder die rechtlichen Rahmenbedingungen machen den Erfolg oder Misserfolg eines Hotels oder Restaurants aus. Maßgeblich sind die beruflichen Qualifikationen und Fähigkeiten des Eigentümers, Betreibers beziehungsweise verantwortlichen Managers und so sind viele Probleme der Branche hausgemacht. Dass die deutsche Hotellerie so schlecht für die Krise gerüstet ist, hat vor allem mit der geringen Professionalität in den Chefetagen vieler Betriebe zu tun. Wie hat es Otto Lindner, Vorsitzender vom Hotelverband Deutschland (IHA) unlängst in einem Interview gegenüber der FAZ gesagt? „Viele haben weder rechtzeitig ihre Infrastruktur modernisiert, noch für ein klares Markenprofil gesorgt.“

Die große Bedeutung des Managements für die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Aufgabe des Managements und des Unternehmertums systematisiert wurde. Sie wurde zu einer lehr- und lernbaren Qualifikation ausgeformt, die in speziellen Ausbildungsgängen an Hochschulen, Berufsakademien oder an Berufs-/Fachschulen vermittelt wurde – eine Entwicklung, die weite Teile des Gastgewerbes noch nicht ausreichend durchdrungen hat. Die rechtliche und fachliche Latte, einen Betrieb zu führen, liegt in vielen Bereichen der Branche nicht allzu hoch. 

Die Branche muss politisch an Gewicht zulegen

In der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass das Interesse der Politik am Tourismus und Gastgewerbe überschaubar ist. Die strukturelle Heterogenität der Tourismusbranche erweist sich als politische Achillesferse. Die Zersplitterung in zahlreiche Branchenverbände und föderale Strukturen erzeugt eine Diversität von Interessen, Meinungen und Prioritäten, die Egoismen fördert. Für die Politik wird es besonders auf Bundesebene schwierig, eine gemeinsame Stimme des Tourismus zu vernehmen. Und so entstehen Verständnisprobleme. Die Branche fühlt sich ignoriert, die Politik wünscht sich mehr Dankbarkeit für bereits erbrachte Hilfe. Das Gastgewerbe muss hier noch stärker darum ringen, geeignete Wege und Maßnahmen der Unterstützung zu definieren, die es der Politik ermöglichen, weite Teile der Branche dabei zu begleiten, aus der Krise halbwegs unbeschadet herauszukommen. Ob Entschädigungsklagen ein Weg sind, dieses Verhältnis zu verbessern, sei dahingestellt. 

Sieht man Krisen als Chancen und erlaubt sich einen ungeschminkten Blick auf Strukturen, Prozesse, Leistungen und Fähigkeiten, entstehen mit der globalen Pandemie neue Denkansätze. Das gilt für unternehmerische Potenziale, Geschäftsmodelle und Strategien. Darin liegt die große Chance der Branche. Um es mit Max Frisch zu halten: „Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“