Nicht perfekt, dafür vollkommen

Nicht perfekt, dafür vollkommen

Vom Journalisten und Hotel-Tester Jens Rosenbaum

Nein, auf dem Weg liegt Elmau nicht. Wer hier zu nächtigen gedenkt, muss diesen abseits viel befahrener Straßen gelegenen Ort gezielt ansteuern. Und dennoch ist Elmau, nicht zuletzt dank zwei ausgetragener G-7-Gipfel und begleitender Medienpräsenz eines der bekanntesten Luxushotels in Deutschland. Bei der langen Liste an Hotelkooperationen und -organisationen, die Schloß Elmau auf seinen Seiten im Internet ausweist – von Leading Hotels of the World über die Fines Hotels & Resorts Collection von American Express, Select, Andrew Harper und Virtuoso bis hin zu 101 Beste und letztlich auch hotelstars.eu –, darf ruhig die Frage gestellt werden, wer sich hier mit wem schmückt. 

Die Geschichten um Schloß Elmau sind geprägt durch den Inhaber, der wohl alles ist, nur kein typischer Hotelier. Dass sich ein solcher Ort mit 147 Gästezimmern und Suiten auch hinreichend zu füllen vermag, dazu trägt unter anderem die hauseigene Konzertagentur bei, die mit jährlich rund 200 Konzerten ein erstaunliches kulturelles Programm bietet. Auch das vielfältige Angebot an Spa und Fine Dining leistet seinen Beitrag dafür, Gäste anzuziehen – von der umgebenden Natur ganz zu schweigen. Doch Musik hören, Baden, Essen und Wandern kann man auch andernorts. Wir wollten wissen, wie sich das reine Zimmerprodukt des als „Ultra Luxury Retreat“ beworbenen Gebäudekomplexes bewährt, das etwas abseits vom Haupthaus liegt. Der Betreiber verspricht nicht weniger als die Möglichkeit einer spirituellen Ruhepause, eines Rückzugs aus gewohnter Umgebung, wenn man Retreat übersetzt. 


Zimmer

Zur Wahl stehen für die besagte Ruhepause ausschließlich große Suiten und Appartements, die getestete Suite umfasste 60 Quadratmeter. Da kommt schon mal keine Platzangst auf. Die Zimmeraufteilung und -ausstattung ist genial gelöst, aber nicht unmittelbar selbsterklärend. Zunächst muss man sich von der atemberaubenden Aussicht erholen, die einen beim Betreten erwartet und durch das annähernd 18 Quadratmeter große Fenster einen Blick auf den Hausberg bietet. Zwar ist dies das einzige Fenster, mit großer Tür zum Balkon, doch ausreichend, um alle fünf Zimmerbereiche mit Tageslicht zu versorgen. Und vier von diesen, jetzt kommt das Geniale, liegen hinter dem 37 Quadratmeter großen Hauptraum, in dem Bett, Schreibtisch und Mobiliar zum Entspannen geboten werden. 

Das Tageslicht findet seinen Weg in diese hinteren Räume, da hier links und rechts des Bettes jeweils eine Tür in Flur und begehbare Ankleide führen und über dem Bett zwei weitere Fensterläden den Raum zum Bad öffnen, das wiederum mit Ankleide und Flur durch Türen verbunden ist. Flur, Ankleide, Bad und Toilette sind also für sich untereinander nutzbar, ohne die Ruhe im Hauptraum zu stören. Bei Bedarf mit geöffneten Türen und Innenfenstern vermag das Licht dann selbst die separate, hinter der Ankleide liegende Toilette erreichen und aus fünf Zimmerteilen so eine harmonische, gefühlt offene Einheit bilden. Auch sonst war es ruhig, wenn man vom kleinen Bach unterhalb des Retreat absieht, der auch nachts sein säuselndes Rauschen in die Zimmer trug. Aber gerade, wenn die Umgebung besonders ruhig ist, steigt die Sensibilität für Geräusche. Doch da war – nichts. Die Räumlichkeiten hinter dem Hauptraum mit Bett mögen als Geräuschpuffer sicherlich einen zusätzlichen Beitrag leisten, doch offenkundig wurde beim Bau auf Schallisolierung geachtet. Die Raumausstattung, die sich auf wenige Elemente beschränkt, glänzt durch Zurückhaltung. Drehschalter im Bakelit-Stil für das Licht mit schlichtem An und Aus sowie eine einfach zu bedienende Klimalage reduzieren die heute sonst üblicherweise zwingend gewordene technische Affinität von Gästen, um ein Hotelzimmer nutzen zu können, auf null. Auch der Verzicht auf Tablets & Co. machen diese Suite bis auf Telefon und TV-Bildschirm zu einem analogen Erlebnis. Ankommen und Abschalten. Ruhige Farben, wertige Ausstattung und auf Entspannung ausgelegtes Mobiliar geben dem Gast die Möglichkeit zum Rückzug seiner selbst mit dem Einzug in diese Suite. Zehn Jahre Nutzungszeit seit der Eröffnung 2015 gehen auch an einem solchen Zimmerprodukt nicht spurlos vorüber. Doch noch besteht kein Handlungsdruck, aber eine mögliche Renovierung sollte im Auge behalten werden.


Bett

Mit dem Format 180/210 Zentimeter ist die Schlafstätte zentraler Ort im Raum. Auch die Zudecken bieten mit 140/210 Zentimetern Komfortgröße. Neben zwei Kopfkissen pro Seite kommt ein dünner Topper aus Schaum auf den zweigeteilten und zirka 18 Zentimeter hohen Matratzen (deren Bezüge leider zum Waschen nicht abnehmbar waren) zum Einsatz. Das vorab gewünschte, zusätzliche Nackenstützkissen lag als Latexkissen bereit und ein nachträglich, zusätzlich bestellter weiterer Topper, der mit Daunenfüllung geliefert wurde, rundeten das Angebot zum Schlafen ab. Das ist ordentlich, doch „Ultra Luxury“ weckt dann doch andere Erwartungen. Es ist schon richtig, dass Schlafkomfort und die Festigkeiten von Matratzen höchst unterschiedlich empfunden werden. Was dem Einen zu weich, ist dem Anderen zu fest. Wie könnte man es da allen Gästen recht machen? Man könnte! So gibt es Unterfederungen, die individuell und stufenlos verstellbar sind. Aus dem Liegen heraus. Damit kann zum einen die Federung, als Unterbau der Matratze, fester und weicher gestellt werden, was sich unmittelbar auf den Liegekomfort auswirkt. Und zum anderen gibt es die verstellbare Liegeflächen für Kopf, Oberkörper, Oberschenkel und Füße, womit auch aus dem Bett eine entspannende, gesundheitsfördernde Wohlfühloase werden kann. Da ist also noch deutlich Luft nach oben.


Bad

Bei Bädern gibt es neben der meist fensterlosen Variante zunehmend jene, in denen bis auf die Toilette die Dusche und Wanne sowie der Waschtisch im Raum integriert sind – ein offenes Bad sozusagen. Hat Vorteile, da das Bad dadurch größer wirkt, Platz gespart wird und natürliches Licht zur Verfügung steht. Hat aber auch Nachteile – visuelle, thermische und akustische. Das Raumangebot wird dadurch unruhiger. Das Retreat ist hier einen dritten Weg gegangen. Das Bad selbst ist nicht nur durch zwei Türen zu erreichen, sondern zur Front, Richtung Hauptraum, mit jenen bereits beschriebenen Fensterläden ausgestattet, die bei Bedarf Tageslicht und Frischluft einströmen lassen. Das ermöglicht auch, sich beim Duschen den Hausberg anzusehen, so man denn will. Das Bad ist mit seinen über acht Quadratmetern sehr großzügig gestaltet und lässt keine Wünsche offen. Dass beim Duschen, aufgrund einer nicht vorhandenen Raumteilung, immer auch die Badewanne gleich mit gewässert wird, scheint für das Raumgefühl billigend in Kauf genommen worden zu sein. Das Housekeeping wird es schon wieder richten. Doch ein solcher Keim der Verschwendung passt nicht ganz zum Stil des sonst auf Achtsamkeit bedachten Umfeldes. Das ändert aber nichts an der hervorragenden Bewertung.


Hygiene

Wo wir nun beim Housekeeping angelangt sind, sei diesem hier großes Lob gezollt. Denn 60 Quadratmeter sind eine gewaltige Herausforderung, die hier bravourös und mit überdurchschnittlichen Werten gemeistert wird. Lediglich beim Bett finden sich systembedingte Ausrutscher. Aber hier ist das Housekeeping weitgehend machtlos, wenn der Fehler bereits in der Ausstattung liegt. Neben der Tagesdecke, als ewigem Problemkind der Hygiene, war dies wie so oft das Encasing, der Hygieneschutz für die Matratzen. Was nützen sagenhaft gute 363 KbE (Koloniebildende Einheiten als mikrobiologisches Maß für die Zahl lebender, vermehrungsfähiger Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze in einer Probe) für die Matratze, wenn unter dem Gast, aber über der Matratze, ein Encasing mit 9.845 KbE die Hygiene nach unten zieht. Ohne diese Ausrutscher wäre das Retreat ein Kandidat für den CLEAN-SLEEPING-AWARD gewesen. 


Service

Erwähnen wollen wir, dass der Test am Rande einer Veranstaltung durchgeführt wurde, die das Ensemble in Elmau an oder sogar über der Kapazitätsgrenze arbeiten ließ. Davon war aber nichts zu spüren. Mühelos und leicht wirkte der Service, stets aufmerksam, immer freundlich zuvorkommend, mit gutem Gedächtnis. Und dies, obwohl offenkundig nicht wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch in Ausbildung waren oder erst wenig Berufserfahrung vorzuweisen hatten. Das Team wurde als charmant und auf Augenhöhe wahrgenommen, den Gästen wahrhaftig und damit emotional als auch kognitiv zugewandt.

Vom Ballett ist bekannt, dass hinter allem, was besonders mühelos und leicht wirkt, besonders harte Arbeit steckt. Harte Arbeit wird auch im Retreat geleistet, doch bleibt der Eindruck haften, dass hier das Lächeln nicht verschwindet, wenn die Akteure die Bühne verlassen. Da kommt wohl dreierlei zusammen. Jemand mit einer guten Hand bei der Personalauswahl. Ein besonderer Geist, jener Genius Loci, der Menschen durch die einzigartige Atmosphäre eines Ortes zu einer homogenen Einheit werden lässt, die so die Werte des Ortes gemeinschaftlich zu repräsentieren vermögen. Und letztlich ein Programm, um solch ein Team auch zu halten. Dabei geht es um mehr als nur um das monatliche Gehalt.

Das sagt das Hotel

Leider nichts. Obwohl am Tag der Abreise spontan ein erhellendes Gespräch mit dem Inhaber stattfand, kam der zugesagte weitere und wichtigere Austausch mit einem anderen Ansprechpartner nicht zustande. Trotz ausgesprochen, in diesem Fall sogar über Wochen hartnäckigen Nachfragens via Mail und Telefon, blieb das Retreat Antworten auf gestellte Fragen schuldig. Nun gibt es keinerlei Verpflichtung Fragen zu beantworten oder Stellung zu nehmen zu aufgezeigten Verbesserungsmöglichkeiten. Auch ist der Grund nicht bekannt, warum zugesagte Rückrufe nicht erfolgten. Doch keine Antwort ist immer auch eine Antwort. Diese nachgelagerte Nichtkommunikation hat natürlich keinerlei Einfluss auf die Bewertung, da es die Leistung des Zimmerproduktes nicht schmälert. Aber schimmert da ein Hauch von Arroganz?

Fazit und Empfehlung

Wer Ruhe sucht und bereit ist, sich auf eine echte Pause einzulassen, einen Rückzug aus der Hektik des Alltags, ist im Retreat richtig. Genuss und Achtsamkeit lassen sich in stressfreier Atmosphäre kombinieren, selbst wenn das Zimmer mal einen weniger schönen Ausblick haben sollte. An anderen Orten hätte man diese 60 Quadratmeter geflutet mit (unbedienbarer) Technik, Kunst und Gedöns. Hier wurde durch Weglassen erreicht, was versprochen wird. Besser geht es nicht. Die Überlegungen, welcher Masterplan und welches Konzept den Rahmen für diese Meisterleistung bilden, führen zu dem Eindruck, dass es gar keinen gibt. Dieser besondere Ort ist wohl eher Ergebnis eines Suchenden, in Person des Inhabers Dietmar Müller-Elmau, unter Einbindung seiner Familie. Das Ziel vor Augen, einen Wohlfühlort zu schaffen, ist das Retreat nicht an Konventionen oder der Mode orientiert. Dafür am Gefühl, was es dafür braucht. Das Zimmer ist Teil eines großen Ganzen. Um dies zu verstehen, muss man es jedoch erleben. So sind die Wiesen am Bach vor dem Haus Oasen des Verweilens. Dahin führt aber kein explizit ausgewiesener Weg. Hier ist das Ziel der Weg. Es geht um Angebote, die das Retreat bietet. Sich darauf einzulassen ist der Schlüssel zur vollkommenen Ruhe.

Die kleinen Defizite wären, sofern gewollt, einfach zu beheben. In Sachen Hygiene bieten der Kriterienkatalog zur Klassifizierung von hotelstars.eu sowie die Hygienestandards der DEHOGA hinreichend Handlungsempfehlungen. 

Und dann noch ein Wort zum Elefanten, der auf Schloß Elmau allgegenwärtig ist und den hinduistischen Gott Ganesha repräsentiert, wie nachzulesen ist. Dieser steht für Urteilskraft, Erinnerungsvermögen sowie Wertschätzung gegenüber der Vielfalt, was sicher die Weltoffenheit des Hotels unterstreichen soll. Elefanten stehen auch für ausgeprägtes Sozialverhalten, Intelligenz, besondere Empathie und ausgeprägte Sensibilität. Das alles spiegelt das Retreat in Elmau sehr gut wieder. Allerdings sollte so ein gewaltiges Geschöpf wie ein Elefant auch darauf bedacht sein, seine Bodenhaftung nicht zu verlieren.